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INTERNATIONALER TAG DER FREIWILLIGEN: WIE SICH DIE WELT MIT KLEINEN SCHRITTEN DANN DOCH IRGENDWIE VERÄNDERN LÄSST

Internationaler Tag der Freiwilligen: Wie sich die Welt mit kleinen Schritten dann doch irgendwie verändern lässt

Veröffentlicht am: 01. Dezember 2011
Internationaler Tag der Freiwilligen: Wie sich die Welt mit kleinen Schritten dann doch irgendwie verändern lässt

„Es gab Tage, da hätte ich mich gerne zurückgebeamt.“ Wenn sich Kerstin Klesse zwei Monate nach ihrer Rückkehr aus einem Programm für Aids-Waisen und Straßenkinder in Sambia in eben diese Tage zurückversetzt, mischt sich bereits eine gute Portion Distanz in die Erinnerung. Sambische Spontanität nennt sie es jetzt, wenn ihre sorgfältige Unterrichtsvorbereitung ganz plötzlich einer ganzen Reihe von Tests weichen musste, wenn sowieso alle Planung immer wieder umgeworfen wurde und nichts verlässlich schien. Damals nervte das. Heute nimmt sie es mit Gelassenheit, mit sambischer Gelassenheit. Reisen bildet eben.
Die 20jährige Bonnerin suchte nach Herausforderungen, als sie im letzten Sommer ihr Abi in der Tasche hatte, nach etwas, an dem sie wachsen konnte. Die große Freiheit war es nicht, was sie in dem bitterarmen Land Sambia suchte, sondern Verantwortung. Ein Jahr lang arbeitete sie als Förderlehrerin mit Don Bosco Schwestern, einem weltweit tätigen katholischen Frauenorden, zusammen. In der City of Hope unterstützte sie sambische Waisenkinder dabei, den Anschluss an die Schule zu schaffen. Fast ein Fünftel aller Kinder in Sambia sind durch AIDS allein auf der Welt oder in der Obhut von Verwandten, die kaum ihre eigenen Kinder ernähren können. Abgesehen von den persönlichen Tragödien sieht ein optimales Lernumfeld anders aus, wäre aber nötig, um langfristig aus dem Teufelskreis der Armut ausbrechen zu können. „Ich wollte mit diesen Kindern und Jugendlichen arbeiten, die keine Lobby haben und Unterstützung brauchen“, sagt Klesse.“ Und ich wollte eine Herausforderung, die mich an meine Grenzen bringt.“
Damit ist sie nicht allein. Viele Entwicklungsorganisationen ermöglichen jungen Menschen ein Jahr Freiwilligendienst im Ausland, um ihnen die Chance zu geben, ihre Perspektive zu wechseln und sich zu erproben. „Teilhabe an der Gesellschaft macht aus Jugendlichen Erwachsene“, sagt Wolfgang Kirchner von Don Bosco Mission. Seit 2003 bereitet er für die Bonner Entwicklungsorganisation jedes Jahr 50 Don Bosco Volunteers in intensiven Vorbereitungsseminaren auf ihren Einsatz vor. „Sich selbst einzubringen, das schafft Orientierung und Sicherheit.“ Dabei bedauert der Theologe, dass junge Menschen heute kaum noch Zeit haben, soziale Erfahrungen zu machen. Studiengänge sind immer stärker verschult und lassen keine Zeit für freiwilliges Engagement. Der Zivildienst wurde vor einem Jahr abgeschafft, und auch der Druck auf dem Arbeitsmarkt führt dazu, dass viele die sogenannten „soft skills“ vernachlässigen. Dabei sei Freiwilligendienst ein hohes Gut in der Gesellschaft, meint Kirchner. „In Zukunft erhalten vielleicht immer mehr Leute Entscheidungskompetenzen ohne über soziales Rüstzeug zu verfügen.“
Kerstin Klesse hat ihre Erfahrungen gemacht. Und sie hatte Glück, nicht zwei oder drei Jahre später auf die Welt gekommen zu sein. Sie ist 13 Jahre zur Schule gegangen und hat direkt nach ihrer Rückkehr aus Sambia mit ihrem Studium zur Grundschullehrerin begonnen, bevor eine Flut von 13er und 12er Abiturienten ohne Wehrpflicht gemeinsam an die Unis drängt. Kirchner und Kollegen aus anderen Entsendeorganisationen stellten bereits in diesem Jahr fest, dass sich weniger junge Männer bewerben. „Die wollen sich das Jahr nicht gönnen“, erklärt Klesse, für die der Einsatz als Förderlehrerin nicht zuletzt ein großes, berufsvorbereitendes Praktikum war. „Viele haben Zukunftspanik. Aber ich würde es jederzeit wieder machen.“ Mittlerweile habe sogar ein zweiter Lernprozess eingesetzt. Erst jetzt merke sie, wie sie das Jahr verändert und bereichert habe.
Am Anfang sei jeder Tag ein Abenteuer gewesen. Die Fahrten in den stickigen Minibussen zum Beispiel, in denen nicht neun, sondern zwanzig Fahrgäste saßen. Viel herausfordernder waren jedoch die kulturellen Unterschiede, die die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Ordensfrauen manchmal belasteten. Vor allem wenn ihr Idealismus auf die Erfahrung der Ordensschwestern stieß, rasselte es schon mal kräftig. Aber auch da hat sie dazu gelernt. „Ich habe mich sicher oft geirrt. Die Schwestern aber auch mal. Das Problem war vielleicht, nicht richtig auf den anderen zugehen und sich mitteilen zu können.“
Der Austausch mit den anderen Volontären in der Einrichtung und ihre Familie waren es dann, die sie wieder aufgerichtet haben. „Du bist vor allem da, um den Kindern und Jugendlichen das Leben zu erleichtern, haben sie gesagt. Und das stimmte ja. Das hat mich motiviert.“
Frust ist der selbstbewussten jungen Frau deswegen überhaupt nicht mehr anzumerken. „Wer in so ein Freiwilligenjahr mit dem Anspruch hinein geht, die Welt zu verändern, wird schnell enttäuscht sein“, stellt sie nüchtern fest. Was sie erreicht habe, seien eher kleine Schritte und Verbesserungen, etwas, was sie für diese Kinder habe tun können.
Da ist zum Beispiel das Mädchen, dem sie Förderunterricht in Mathe gegeben hat. „Ich hatte überhaupt keinen Zugang zu ihr. Sie hat alles abgeblockt.“ Vermutlich wegen traumatischer Erfahrungen mit Erwachsenen in der eigenen Familie, wie so viele der Kinder aus Familien, die durch AIDS auseinandergefallen sind. Dann gab es einen Ausbruch. Das Mädchen beschuldigte Kerstin Klesse, sie bei ihren Lehrern angeschwärzt zu haben. „Hatte ich natürlich nicht.“ Einige Tage später entschuldigte sich die Schülerin. Für ihre Nachhilfelehrerin ein ganz starker Moment: „Das war so unerwartet und ich habe es als ungeheure Stärke von ihr empfunden, wie sie da von sich aus zu mir kam.“ Ab da wurde alles besser. Die schulischen Leistungen, das ganze Mädchen veränderte sich. Es entstand ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis. Für Kerstin Klesse ein Glanzlicht ihres Sambia-Jahres. Und vielleicht ein Sinnbild. Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt eben doch verändern.

Der 5. Dezember ist der Internationale Tag der Freiwilligen. Kaum noch ein sozialer Bereich der Gesellschaft kommt heute ohne freiwilliges Engagement aus, sowohl in Deutschland als auch im Rest der Welt. Jedes Jahr brechen 50 Don Bosco Volunteers nach Afrika, Asien und Lateinamerika auf, um ein kleines Stück Welt zu verändern. Einschließlich sich selbst. Bewerben können sich junge Leute bei der Bonner Don Bosco Mission unter www.donboscovolunteers.org. Wer mehr über die Tätigkeiten der Freiwilligen lesen will, kann sich deren Blogs unter www.strassenkinder.de ansehen.

(Don Bosco Mission)

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