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INTERNATIONALER TAG DER FREIWILLIGEN: NACH DER SCHULE EINMAL UM DIE WELT?

Internationaler Tag der Freiwilligen: Nach der Schule einmal um die Welt?

Veröffentlicht am: 04. Dezember 2012
Internationaler Tag der Freiwilligen: Nach der Schule einmal um die Welt?

Freiwilligendienste sind äußerst beliebt bei jungen Menschen, vor allem seit die Bundesregierung mit dem IJFD und dem weltwärts-Programm diese finanziell fördert. Trotzdem stehen die Träger vor großen Herausforderungen

Die schlimmste Frage ist die berüchtigte „Wie wars“ Frage. Wolfgang Kirchner, Leiter des Freiwilligenprogramms Don Bosco Volunteers betreut seit knapp zehn Jahren junge Menschen, die für ein Jahr ins Ausland gehen und sich dort um benachteiligte Kinder und Jugendliche kümmern. Im Juli, kurz vor der Ausreise hat er die Eltern schon mal vorsorglich gewarnt, diese Frage bei der Rückkehr ihrer Kinder tunlichst zu vermeiden. Was soll man nach einem Jahr voller Eindrücke, neuer Freundschaften, einer anderen Sprache und Kultur auf die Frage, „wie wars“ antworten? Im Sommer drauf kehren über 50 Don Bosco Volunteers wieder zurück nach Deutschland. Ein bisschen bräuner, ein bisschen dünner, fast immer aber sehr viel reifer als beim Abflug.

Freiwilligendienste stehen hoch im Kurs. Beim entwicklungspolitischen Programm weltwärts des BMZ, sind alleine knapp 250 Entsendeorganisationen akkreditiert, knapp 7.000 Plätze stehen zur Verfügung. Selten können alle Plätze besetzt werden, auch wenn es genügend Bewerber gibt. Nicht alle sind den Anforderungen gewachsen, das wissen vor allem die Träger, die schon vor der Einrichtung des weltwärts-Programms Freiwillige entsendet haben. „Vor 2008 haben sich vor allem Weltverbesserer bei uns gemeldet“, so Kirchner. „Junge Menschen, die ganz bewusst eine andere Erfahrung im Ausland machen wollten und nur wenig Betreuungsansprüche an die Entsendeorganisationen gestellt haben. Die heutigen Bewerber sind sehr viel jünger und teilweise unselbständiger.“ Exemplarisch verweist Kirchner auf die vielen Visafragen, die er seinen Volunteers in den letzen Monaten geduldig beantworten musste. Kritisch sei auch, dass seit der Verkürzung der Schulzeit weniger Zeit für ehrenamtliches Engagement bleibe – etwa in der Jugendarbeit. Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist bei vielen Trägern aber ein großer Vorteil. Gleichzeitig seien die heutigen Jugendlichen aber eine ganz Spur realistischer als noch ihre Vorgängergeneration. Nur noch wenigen muss Kirchner in der neun-monatigen Vorbereitungsphase den Zahn ziehen, sie seien Experten, auf die die Projektpartner in Indien, Kenia und anderswo nur gewartet habe. Denn Fachkräfte sind die jungen Deutschen in keinster Weise, wenn sie sich kurz nach dem Abi auf den Weg machen. Dabei würde die Bonner Hilfsorganisation gerne qualifiziertere junge Menschen aussenden, zum Beispiel nach der beruflichen Ausbildung oder dem Bachelor. Monatlich melden sich Don Bosco Partner aus der ganzen Welt bei Kirchner und fragen an, ob er nicht mal jemanden hätte, der im praktischen Ausbildungsbetrieb eingesetzt werden könnte. Gesucht werden ausgebildete Schreiner, Mechaniker, Mechatroniker etc.

Azubis und Bachelorstudenten haben gute Karten

Die katholische Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos hat sich auf die berufliche Ausbildung junger Menschen spezialisiert. In über 500 Berufsschulen können junge Menschen bei Don Bosco Maschinenschlosser werden, das Bäckerhandwerk erlernen, eine Schneiderausbildung machen oder KFZ Mechaniker werden. Doch junge Azubis wollen nach ihrer Ausbildung meist erst mal Geld verdienen – statt ein Jahr ins Ausland zu gehen, vermutet Kirchner. Außerdem ist das Thema zwar an vielen Gymnasien präsent – in den Realschulen und den beruflichen Schulen aber deutlich weniger. Ganz dringend werden junge IT-Fachkräfte benötigt. Viele von Kirchners jetzigen Freiwilligen geben während ihres einjährigen Aufenthaltes Computerkurse, auch wenn sie sich das vorher nie zugetraut hätten.

Kritisch sehen die Mitarbeiter der Bonner Don Bosco Mission die nächsten Jahre – wenn in allen Bundesländern das Abitur mit 17 Standard ist. „Das fängt schon in der Vorbereitung an, wenn wir für jedes Seminar die Einverständniserklärung der Eltern brauchen. Außerdem kommen weitere Probleme dazu, wie die Versicherungsmodalitäten, die Eröffnung eines ausländischen Kontos, etc. Wir haben uns daher bewusst dagegen entschieden, eine Ausreise auch mit 17 zu ermöglichen.“

Junge Menschen unter Druck

Jungen Abiturienten rät Kirchner daher erst mal zu einem Bachelorstudium oder einer Ausbildung. Er beklagt die zunehmende Ökonomisierung der Lebensentwürfe junger Menschen, die sich oft nicht die Zeit gönnen, mal über den Tellerrand zu schauen. Umso mehr da die Abschaffung der Wehrpflicht zusätzlich die Phase zwischen Schule und Berufsleben verkürzt. „Wer mit 17 seinen Bachelor beginnt, den in Regelstudienzeit abschließt und danach sofort seinen Master schafft, ist mit 21 oder 22 Jahren fertig – und soll dann im Betrieb Verantwortung für Mitarbeiter übernehmen, die doppelt so alt sind. Das finde ich schwierig.“ Nicht selten sind es gerade diese jungen Menschen, die sich später von Praktikum zu Praktikum hangeln und auf Traineestellen hoffen müssen, weil sie als so junge Berufsanfänger kaum Chancen bekommen. Auch rechtliche Faktoren spielen eine Rolle. In Brasilien etwa erhalten Freiwillige nur mit dem Nachweis einer Ausbildung oder Berufserfahrung ein Jahresvisum. Andere Länder wie Sambia denken über ähnliche Bestimmungen nach und lassen sich die Verlängerung von Dreimonatsvisen von den Freiwilligen teuer bezahlen. Welche langfristigen Auswirkungen die Abschaffung der Wehrpflicht und die Verkürzung der Schulzeit auf den Freiwilligendienst haben, bleibt Spekulation. Viel Zeit darüber nachzudenken bleibt Wolfgang Kirchner nicht – er steckt mitten in der heißen Phase. Rückkehr des alten und die Ausreise des neuen Jahrgangs laufen parallel – dazu kommt die Bewerbungszeit der künftigen Volunteers, die gerade anläuft. Wenn Kirchner und sein Team nächste Woche beim Rückkehrerseminar gemeinsam das letzte Jahr reflektieren, wird sicher auch wieder die „wie wars“ Frage thematisiert. Von den zahlreichen Antworten im Laufe der letzen Jahre war nur eine Antwort noch nie dabei: Zeitverschwendung!

Ulla Fricke

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